Sprachliche Feinheiten

Der unterhaltsamste Aspekt bei der Begleitung von heranwachsenden Kindern ist meiner Meinung nach die Sprache. Von den ersten „Hhnngs“ eines Babys, bis zum kompletten, grammatikalisch richtigen Satz ist es ein langer Weg (den nicht alle bis zum Ende beschreiten ;)). Kinder lernen ganz natürlich, indem sie ihrer Umgebung zuhören und benutzen ihre Sprache ganz ungeniert, ohne Angst einen Fehler zu machen. Da kommt schon die eine oder andere witzige Situation zu Stande. Ein paar Anekdoten.

Mein Problem mit dem Illeismus

Interessant ist ja, dass einem als Eltern durch das vom Kind Gesagte erst bewusst wird, was und auch wie das Kind denkt. Und vor allem was man selber so von sich gibt, denn die lieben Kleinen saugen das Gehörte ja auf wie ein Schwamm. Eine problematische Angewohnheit von mir ist, dass ich gerne in der dritten Person von uns rede: „Die Mama hilft dir!“, „Das gehört der Mama und das dem Mattias“. Ich weiß nicht was ich mir gedacht habe, wie ich so zu reden angefangen habe. Wahrscheinlich gar nichts. Insgeheim habe ich dadurch wohl gehofft, das abstrakte „mir“ und „dir“, „meines“ und „deines“ ein wenig bildhafter zu gestalten. Aber das war natürlich Blödsinn. Das Schlimme daran ist, dass es mir diese Redensart jetzt bewusst ist, aber ich sie trotzdem nicht abstellen kann. Immerhin begreift der Sohnemann mittlerweile auch selbst schon immer mehr, dass es gängigere Formen gibt von sich selbst zu sprechen.

Wenn stille Anweisungen laut werden

Für all das was ein Kind nicht sagt oder noch nicht sagen kann, muss man als Elternteil das Wort ergreifen. Wenn zum Beispiel die Oma fragt: „Und, hat’s geschmeckt?“ und der Sohnemann aber keine Antwort gibt, dann fühlt man sich als Mutter ja quasi verpflichtet eine Antwort zu geben. Wenn also mit Begeisterung gegessen wurde, würde ich also zu meinem Sohn gewandt, aber für die Oma bestimmt, sagen „Sag ‚Ja‘!“. Auch diese Sprechweise ist mir kürzlich auf den Kopf gefallen, denn der Sohnemann hat mittlerweile begonnen sich die Regieanweisungen gleich selbst zu geben. Wenn ich frage, ob er einen Kakao will, meint er also „Sag ‚Ja‘!“ oder „Sag ‚Nein‘!“. Ich hoffe er kommt bald drauf, dass man sich manche Teile nur denken sollte.

Das bringt mich auch gleich zur Dynamik von laut und leise. Manchmal ist es echt schwer, Kindern begreiflich zu machen, in welchen Situationen man besser flüstert oder besser schreit. Die Kirche ist ein toller Ort um herauszufinden, ob der Nachkömmling den Sinn des Flüsterns versteht. Wenn die letzten Takte des Liedes ausgeklungen sind und der Sohn mit lauter Stimme kommentiert: „Jetzt is‘ aus! Kimma heimfahren!“, dann hoffst du inständig, dass du nicht in einem erzkonservativen Gottesdienst mit jeder Menge Keinen-Spaß-Verstehern sitzt.

Regieanweisungsprobleme paaren sich mitunter auch mit den Lautstärkenproblemen… Ich sag: „Schau, da ist der Opa! Schrei ihm mal.“ Der Opa steht am anderen Ende des Gartens und der Sohnemann flüstert: „Opa!“, dass ich es kaum hören kann, obwohl er direkt neben meinem Ohr ist. Ich verdreh‘ mal innerlich kurz die Augen und empfehle ihm: „Schrei laut!“. Gesagt – getan: Der Sohnemann brüllt aus vollen Lungen: „LAAAAAUUUUT!“. Tja, damit hatte ich natürlich nicht gerechnet.

Vaterfreuden

Der Papa hat auch nicht damit gerechnet, dass sich seine geliebte Redewendung „Bist du deppert!“ so bald im kindlichen Sprachrepertoire abzeichnen werden. Er benutzt diesen Ausdruck mit Vorliebe um sein Staunen über etwas auszudrücken. Wenn der Sohnemann dann „Bist du deppert, bist du deppert,…“ in der exakten Papa-Intonation mantramäßig vom Rücksitz erklingen lässt, dann bist du dir bewusst, dass es jetzt eigentlich schon zu spät ist schlechte Gewohnheiten ablegen zu wollen. Er hat es gehört und weil du nicht willst, dass er es sagt wird er es natürlich nie wieder vergessen. Ich habe versucht gutzumachen was geht und ihm erklärt, dass nur Papa „Bist du deppert“ sagen darf; wir sagen das nicht. Der Sohnemann hat’s verstanden: „Mattias ned deppert… Papa deppert!“. Versuch‘ da mal ernst zu bleiben!

Zweisprachige Wirren

Auch mit der zweisprachigen Erziehung erleben wir interessante Sprachmomente. Der Papa redet ja nur litauisch mit den Kindern. Mattias weigert sich aber gewisse Wörter richtig zu sagen. Anstatt „sauskelnės“ (=Windeln) sagt er immer „sausaleicht“ – seine eigene Wortneuschöpfung, die er immer wieder einen Lacher wert findet. Auch das Wort „striukytė“ (=Jacke) will ihm nicht über die Lippen kommen. Er beharrt darauf, dass es „druskytė“ heißt, was aber in Wirklichkeit soviel bedeutet wie „Salz“. Das sind seine Scherze mit denen er versucht seinen Vater auf die Palme zu bringen. Mal abgesehen davon, dass er momentan meist sowieso die meiste Zeit auf deutsch antwortet.

Ab und zu schleicht sich auch ein litauisches Wort ein, wenn wir deutsch sprechen. „Kumštis“ scheint ihm besser im Ohr zu bleiben, als das Wort „Faust“. Auch die Verwendung desselben sieht er ganz normfrei. Wenn beim Sockenanziehen unabsichtlich der kleine Zeh weggebogen wird, dann ist das für ihn ein klarer Fall, dass man da auch kumštis machen muss. Aber auch die Litauer machen mit den Füßen keine Faust.

Heikles Vokabular und vertrackte Aussprache

Während bei „Die Sonne is‘ nusilaido“ (=untergegangen), die Verwendung zumindest richtig ist, gibt es noch andere Verständnisprobleme, die durch die Sprache sichtbar werden. Letzte Woche waren wir mal spät draußen, da stellt der kleine Mann fest: „Do hams a Licht aufgedreht!“ Ich schaue ins nächtliche Dunkel und sehe nichts. „Wo?“, erkundige ich mich. „Da oben“, meint er und deutet auf den Mond… ja, diese komplexe Welt muss man erst mal verstehen lernen. Auch dass man mit dem Rollmeter nicht „14 Kilo“ messen kann und das „Kilometer“ nicht dasselbe ist wie „Thermometer“ beschäftigt uns noch.

In einem meiner letzten Artikel hab ich ja schon davon erzählt, dass Mattias sich sehr für Buchstaben begeistert. Er fragt ständig, was das für Buchstaben sind, die er irgendwo sieht – aus Freude am Fragen, weil das halbe Alphabet kennt er eh schon. Auf seiner neuen Mickey-Maus-Zahnbürste ist auf der Rückseite ein „M“ drauf, bei dem er mich bei jedem Zähneputzen fragt, was das ist. Und ich sage drauf: „Das ist ein Em.“ „Ah“, meint er: „M, wie Emma“. Mein Fehler… es funktioniert nur wenn ich sage: „Das ist ein Mh.“, dann ist es auch ein „M, wie Mattias“.

Familiengrammatik

Ich verstehe, dass die deutsche Grammatik gar nicht so einfach zu erlernen ist – die vielen Zeitformen und das alles. Der Sohnemann hat allerdings zusätzlich noch eine Vergangenheitsform entwickelt. „Mama gemachtet.“, sagt er zum Beispiel. Aber mit den kleinen Schnitzern beim Konjugieren ist er nicht allein. Auch den Großen passiert mal ein Versprecher. Mein Mann, der nach fünf Jahren ziemlich gut Deutsch spricht, erzählt mir letztens eine Geschichte in der jemand „erstocken“ (=erstickt) ist. Die Konjugation des Wortes „ersticken“ müsste in der Familie Matulionis demnach richtigerweise heißen: ersticken – erstockte – ersticktet. Ich habe als österreichisch-deutsch Muttersprachlerin allerdings Schwierigkeiten mich an die übrigen (sprechenden) Familienmitglieder anzupassen.

Wir werden wohl noch oft „Rollersaft“ (=Hollersaft) trinken und einige Male „bafu“ (=barfuß) gehen, bis alle sprachlichen Feinheiten ausgemerzt sind. Ich finde das, was aus den Kindermündern zu hören ist, sehr erheiternd. Es ist meine kleine Alltagskomödie. Würde mich interessieren, was eure Kids so verlauten lassen? Womit haben sie euch zum Lachen gebracht? Oder was habt ihr als Kind gesagt, was euch die Eltern heute noch erzählen?

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