Ich steh an deiner Krippen hier

Trotz meiner großen Vorausplanungslust für Weihnachtliches im November ist die Adventzeit wieder nur so vorbeigerast. Sozusagen gezwungenermaßen habe ich viel Zeit davon auf der Couch verbracht. Dabei fiel mein Blick immer wieder auf den Tisch, auf dem ein paar Krippenfiguren stehen. Es gibt viele verschiedene Arten von Krippen – große und kleine, aufwendige und schlichte, realistische und spielerische, Krippen orientalischen Stils bis hin zum “Heimatlichen”. Aber mal ehrlich: selten ist eine so hässlich wie die unsere.

Vor einiger Zeit ist meine Oma ins Heim gezogen. Von ihren Habseligkeiten hat sie da nur wenig mitgenommen. Sie hat uns aufgefordert, dass jeder sich aus ihrer Wohnung nehmen soll was er gerne hätte. Auch wenn sicher nichts außergewöhnliches oder wertvolles vorhanden war, hab ich als Sammlerin von Klumpert genug gefunden was ich mir heimtragen wollte. Unter anderem auch die Krippenfiguren, die jetzt auf unserem Tisch stehen. Ich habe sie mitgenommen, weil sie zu meinen Kindheitserinnerungen gehören. Schön sind sie wirklich nicht. Die Farbe an den Figuren ist abgestoßen. Josef fehlt eine Hand und ein Fuß. Das Jesusbaby ist verhältnismäßig viel zu groß für seine Eltern und liegt nackt in einer unpassenden Plastikwiege, die an mehreren Stellen abgebrochen ist und auf der Spuren von Klebeband sind. In Wirklichkeit gibt es nicht mal den obligatorischen Stall, sondern es sind einfach drei Figuren, die nebeneinander stehen.

Hier wird nichts geschont.
Hier wird nichts geschont.

Ich hab sie auf den Tisch gestellt als Krippe zum Angreifen. Unser Sohnemann wird dieses Jahr das Weihnachtsfest mit Staunen erleben, aber er hat noch keine Ahnung um was es geht. Er freut sich noch nichtmal auf die Geschenke. Bei Bilderbüchern hat er noch kein so großes Interesse am dargestellten Geschehen, dass er Willens wäre sich eine Geschichte anzuhören, die länger als zwei Sätze dauert. Maria, Josef und das Jesukind kennt er so als (Spiel-)Figuren aber zumindest schon ein bisschen.

Unterwegs mit Maria und Joseph.
Unterwegs mit Maria und Joseph.

Er hat ein gespaltenes Verhältnis zum Baby, vielleicht fühlt er sich in der Konkurrenz, wenn ich mich im Spiel zu sehr um das Kind “kümmere”. Die Eltern mag er aber sehr gern. Die kriegen regelmäßig Bussis und außerdem lässt er sie sich gegenseitig immer wieder küssen. Das ist wirklich lieb anzusehen, wie er mit ihnen umgeht. Aktuell ist Maria alleinerziehend, weil Josef seit ca. zwei Tagen abgängig ist. Wir hoffen, dass er vor dem Fest wieder auftaucht… in der Speisekammer, einer Spielzeugkiste oder wo auch immer unser kleiner Mann Dinge gerne zwischenlagert.

Das Baby muss jetzt sitzen. Joseph wird immer noch gesucht.
Das Baby muss jetzt sitzen. Joseph wird immer noch gesucht. Kerze wegen Zerstörungsattacken entfernt.

Aber den Spielspaß beiseite gelassen schaut unsere Krippe armselig aus, selbst wenn alle Beteiligten anwesend sind. Diese “Armseligkeit” ist mir beim längeren Betrachten als neue Qualität aufgefallen. Weihnachten möchte man gerne als ein schönes, friedliches Fest erleben. Keksduft, Kerzenschein, eine stimmungsvolle Feier. Ich glaube in vielen von uns herrscht eine Sehnsucht nach den Weihnachtsfesten der Kindheit, bei denen man viel mehr von diesem Zauber wahrgenommen hat, als die eigentliche Realität. Das ist eine schöne Erinnerung, und allzugerne lässt man sich doch auch von Fernsehen und Co. einlullen, in das Bild von “Weihnachten, wie es sein sollte”. Wenn ich meine Krippe anschaue, dann entzaubert mich der Anblick. Es hilft mir, über die Weihnachtsgeschichte nachzudenken und die war wahrhaftig kein gemütliches Fest.

Hochschwanger kilometerweit zu Fuß unterwegs. Kein Dach über dem Kopf. Eine Geburt in einem stinkigen Stall. Ohne Hebamme und ohne klinischer Versorgung. Eine ungewisse Zukunft. Ich hätte nicht in Marias Haut stecken wollen. Wenn ich mich dem Bann unserer Weihnachtstraditionen entziehe bin ich wirklich überwältigt von dem Wunder, dass wir hier eigentlich feiern. Gott hat seinen Sohn gesandt. Nicht bombastisch als Superstar, sondern als kleines, hilfloses Baby, unter ärmsten Umständen geboren. In einer Form, in der ihn niemand zu fürchten brauchte. Ist doch irgendwie genial!

Das Lied “Ich steh an deiner Krippen hier” ist mir beim Betrachten eingefallen, obwohl ich es gar nicht näher kenne. Aus Neugier hab ich mir die Strophen durchgelesen, die – wie ich jetzt weiß – Paul Gerhardt geschrieben hat, und zu denen Johann Sebastian Bach später eine Melodie komponierte. Mit drei dieser Strophen zum Nachsinnieren möchte ich diese Geschichte meiner hässlichen Krippe beenden. Ich wünsche euch, dass ihr diesen wunderbaren Gedanken an das eigentliche Weihnachten in die traditionellen Familienfeste mitnehmen könnt. Ich wünsche euch, dass ihr eure Geschenke auspacken könnt und euch ehrlich über diesen Wohlstand freuen könnt, der es uns ermöglicht uns zu beschenken. Habt ein gesegnetes Fest!

6. O daß doch so ein lieber Stern
soll in der Krippen liegen!
Für edle Kinder großer Herrn
gehören güldne Wiegen.
Ach Heu und Stroh ist viel zu schlecht,
Samt, Seide, Purpur wären recht,
dies Kindlein drauf zu legen!

8. Du fragest nicht nach Lust der Welt
noch nach des Leibes Freuden;
du hast dich bei uns eingestellt,
an unsrer Statt zu leiden,
suchst meiner Seele Herrlichkeit
durch Elend und Armseligkeit;
das will ich dir nicht wehren.

9. Eins aber, hoff ich, wirst du mir,
mein Heiland, nicht versagen:
daß ich dich möge für und für
in, bei und an mir tragen.
So laß mich doch dein Kripplein sein;
komm, komm und lege bei mir ein
dich und all deine Freuden.

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