Großer Bruder

Es sind noch ungefähr fünf Wochen bis aus unserem Einzelkind ein großer Bruder wird und schön langsam fällt mir auf, dass das nicht nur eine Umstellung für ihn bedeutet, sondern auch für uns als Eltern. Dieses Kind ist kein Baby mehr. Er kann schon so viele Dinge selber machen, aber wir müssen ihn auch machen lassen. Natürlich wird ein Kind je größer es wird, immer selbstständiger, aber gerade in dieser Zeit, wo ich „bauchbedingt“ nicht mehr alles so machen kann wie gewohnt, fällt mir auf, dass wir ihn in manchen Dingen eben aus Gewohnheit wie ein „Baby“ behandeln. Nicht wortwörtlich, aber man könnte ihm schon mehr zutrauen.

Es ist vielleicht gerade auch eine Phase des persönlichen Aufbruchs für unseren Sohnemann, die sowieso gekommen wäre, aber sie liegt zeitlich sehr praktisch. Bis jetzt war er nicht groß interessiert daran, irgendwelche Sachen selber zu schaffen und plötzlich kam jetzt die Zeit, in der er selber agieren will. Seine 14 Kilo zu heben ist mir jetzt oft schon beschwerlich, da kam mir sein Wunsch jetzt selber ins Auto und auf den Kindersitz zu klettern nur entgegen.

Oft sind es auch Kleinigkeiten im Alltag, über die man staunt und die so schön mitzuerleben sind. Letztens hat der Sohnemann mal zwei Fichtenzapfen aus dem Garten mithereingebracht. Als er die dann im Wohnzimmer gegeneinander geschlagen hat, sind Samen herausgeflogen und kleine Teilchen abgesplittert und auf den Boden gefallen. Ich hab ihn darauf aufmerksam gemacht und gemeint, das müssten wir später wegsaugen. Da ist er sofort gelaufen und hat unseren Handstaubsauger geholt, hat die Zapfenbrösel eingesaugt und hat den Staubsauger dann auch wieder an den richtigen Ort zurückgebracht! Ich hatte ihn übrigens nicht dazu aufgefordert. Das ist doch super, oder?

Über die Zeit merkt man, wie die kleinen Menschen immer mehr von dem erfassen können, was man ihnen sagt. Und sie handeln dann auch entsprechend. Letztens hab ich angekündigt, wir würden mit dem Auto wegfahren. Der Sohnemann gleich raus ins Stiegenhaus, weil fortfahren ist ihm momentan das Liebste. Ich hab mich dann genauer ausgedrückt, dass ich nicht sofort meinte und dass wir auf alle Fälle vorher noch Zähneputzen müssten, bevor wir das Haus verlassen. Er ist wieder hereingekommen und ich hab noch das Frühstücksgeschirr weggeräumt, da hör ich ihn rufen: „Maaaamaaaa, wo bist du?“ Ich bin nachschauen gegangen und hab ihn im Badezimmer auf den Boden liegend gefunden, bereit zum Zähneputzen (Zur Erklärung: Wir haben bis jetzt die Zähne immer im Liegen geputzt, wegen der besseren Sicht in den Mund und weniger Zahnpastageschlabber). Er hat also sofort kombiniert, dass wir schneller fahren können, wenn wir gleich Zähneputzen – das ist ein neuer Gedankengang. Im Normfall hätte ich ihn noch ungefähr fünfmal dazu auffordern müssen irgendwelche gerade neu entdeckten Beschäftigungsmöglichkeiten bitte abzubrechen um bitte ins Bad zu kommen, damit wir dann endlich wegfahren können.

So ändert sich gerade manches. Ich finde auch, das es Veränderungen gibt, die einen geeigneten Zeitpunkt brauchen. Wir haben soeben das Milchpulver-Flaschi eliminiert. Das hatten wir vor ein paar Monaten schon einmal versucht, aber durchwegs erfolglos. Das Flascherl am Morgen und am Abend vor dem Zähneputzen und Bettgehen war ihm heilig und es gab einen Mordsaufstand, weil ich mir erlaubt hatte Tee einzufüllen, statt diesem Milchpulver. Nach ein, zwei Tagen Drama hab ich’s sein lassen. Aber ich muss auch sagen, dass ich selber nicht hundertprozentig von diesem Schritt überzeugt war. Es war wohl eher dieses (Ge-)Wissen, dass er theoretisch gar keine Flasche und auch kein Milchpulver mehr brauchen würde, das mich dazu brachte es zu probieren, als meine „innere Mutterstimme“.

Jetzt ist es ganz anders gelaufen. Ohne Kämpfen haben wir das morgendliche Fläschchen auf normale Milch aus der Tasse umstellen können und das abendliche Flaschi, das wir noch beibehalten haben, weil es unserer Meinung gut zum runterkommen vor dem Schlafen dient, darf jetzt auch Tee enthalten. Er hat fragt zwar ab und zu nach „Flaschi mit Pulver“, aber wenn ich sage, dass wir kein Pulver mehr haben, dann nimmt er breitwillig den Tee. Ohne Proteste, von einem Tag auf den anderen. Ich bin noch immer fasziniert. Aber im Endeffekt war es beim Abstillen ähnlich. Irgendwann war das Gefühl da, dass er richtige Zeitpunkt gekommen ist, und es hat anstandslos geklappt. Man müsste vielleicht öfter einfach mal mehr Mut haben auf sein Gefühl und sein Kind zu vertrauen. Aber oft ist es nicht einfach sich von den Meinungen, die von außen auf einen einprasseln, zu distanzieren.

 

2 thoughts on “Großer Bruder

  1. Es freut mich immer wieder mal was von euch zu hören, von dir lesen zu können :).
    Zeitlich ist es ja eher schwer, dass sich bei mir ein Besuch mit ausgeht. Alles Gute in den nächsten zwei Monaten!
    See you

    1. Jetzt hast ja eh auch bald Ferien, oder? da wird sich’s schonmal wieder ausgehen 🙂
      Dir auch alles Gute für die Prüfungssaison!

Kommentare