Emotionen – das volle Programm!

Vor ein paar Monaten lernten wir eine neue Seite unseres Sohnes kennen: Die trotzige, impulsive Variante seiner selbst. Unser Sohnemann war bis dahin immer sehr ruhig und ausgeglichen. Er ist beim Essen immer brav sitzen geblieben und hat mit hingebungsvoller Ausdauer gespielt. Alles in allem hatten wir Eltern bis zu diesem Zeitpunkt X ein doch recht leichtes Spiel. Versteht mich aber nicht falsch: Er ist jetzt auch kein Tyrann geworden, aber an manchen Tagen haben wir hier schon ganz großes Kino.

Ob Riesenspaß haben, traurig sein, gar nicht hören wollen, ganz liebevoll sein, oder komplett austicken – alles dabei. Anstrengend ist hier in letzter Zeit vor allem das Essen. Wenn der Sohnemann superlässig am Tripptrapp hängt und sich am Besten die ganze Mahlzeit in den Mund eingeben lässt, dann entspricht das mitunter nicht den Vorstellung von uns Erziehungsberechtigten. Aber wenn er – vielleicht vorher auch noch gerade brav essend – auf einmal Gabeln zu Wurfgeschossen umfunktioniert und unseren nicht vorhandenen Hund füttert indem er einfach das Teller vom Tisch wirft, dann sind wir schon oft in einer Situation in der wir uns fragen, ob wir nicht nur erziehungsberechtigt sondern überhaupt erziehungsfähig sind.

So eine Mahlzeit kostet einige Nerven, das kann ich euch sagen. Man muss ja auch echt aufpassen, was man in der Situation aus dem Impuls heraus androht, mit Sätzen, die gerne mit „Wenn du sowas nochmal machst…“ beginnen. „…dann kriegst nichts mehr zu essen!“ – irgendwie kontraproduktiv der Nahrungsaufnahme gegenüber. „…dann darfst du nicht mehr mit uns am Tisch sitzen!“ – aber eigentlich wollen wir doch gemeinsam essen, friedlich halt. „…dann gehst du gleich ins Bett!“ – naja, wenn das Bettgehen eine Bestrafung wird, dann hast du gleich das nächste Problem. Wenn das Unverständnis überkocht hört man sich schnell mal Sachen sagen, bei denen man selber den Kopf schütteln könnte, aber gerade bei so unnachvollziehbaren Aktionen fehlt mir die Fantasie für eine angemessene Reaktion.

Bei uns hat es halt jetzt öfter schon keine Nachspeise für den jungen Herrn gegeben. Nachspeise ist für ihn alles was Süß schmeckt. Schon alleine die Vorstellung Schokolade, einem Eis oder einfach nur von einer Rosine, lässt ihn strahlen wie ein Baustellenscheinwerfer. Der unfreiwillige Verzicht auf diese Dinge trifft ihn. Es ist die einzige ihm verständliche Konsequenz die ich androhen kann. Gleichzeitig ist es auch die einzige die mir einfällt, die mir selber zusagt (bis auf den Aufstand, wenn ihm einfällt, dass er irgendwas will und ich ihm dann wirklich was verweigern muss). Aber ob diese Methode die richtige ist? Fragwürdig, ob er selber überhaupt immer weiß was er gerade tut und insofern verstehen kann, warum es deswegen Konsequenzen gibt.

Bei der kleinkindlichen Gefühlsachterbahn gibt es aber nicht nur unartiges Benehmen. Es gibt auch sehr lustige Momente oder auch rührende. So wie letztens, als der Sohnemann einen Schlüsselanhänger begutachtet. Es ist eine kleine Maus aus einem spröden Plastik – daher sind schon einige Teile weggebrochen. Gemeinsam stellen wir fest, dass ein Ohr nicht mehr da ist und leichthin sage ich: „…und da beim Fuß fehlt auch ein Stückerl!“. „Wieder reparieren!“, meint er und ich erkläre ihm, dass wir das nicht reparieren können, weil das schon lange kaputt ist. Einen Moment lang ist es dann ganz still. Ich schau auf ihn hin und sehe wie seine Unterlippe zu zittern beginnt und ihm Tränen in die Augen steigen. Im ersten Moment versteh ich gar nicht, was ihn jetzt zum Weinen bringt und frage, was denn los ist. Mit Blick auf die kleine Maus schluchzt er: „Kann er nimmer laufen!“. Dass ihn das theoretische Schicksal eines Schlüsselanhängertiers so trifft, hat mich selbst fast zum Weinen gebracht.

Die Besorgnis um diese Maus ging sogar noch weiter. Ein paar Tage später spielt der Sohnemann alleine im Wohnzimmer, als ich Weinen vernehme. Für alle Nicht-Eltern: Man entwickelt ein gutes Gehör, für die mit Tränen ausgedrückten Gefühlsnuancen. Diese Fähigkeit braucht man, um abschätzen zu können, ob man gleich zum Trösten angedüst kommen muss, weil sich das Kind zum dritten Mal am Tag den Kopf angehaut hat oder ob es sich um ein Fake-Weinen handelt, weil einem grad gesagt worden ist, dass man auch wieder aufwischen muss, wenn man das Badezimmer unter Wasser setzt. Weil es also schmerzerfüllt klang, habe ich gleich nachgeschaut, was passiert ist. Trösten musste ich den Sohnemann, allerdings nicht weil er sich verletzt hatte, sondern weil ihm das Mäuseschicksal wieder so nahe ging.

Das war schon sehr lieb. Es ist auch definitiv die emotionale Seite von ihm, mit der ich besser zurecht komme. Ich tröste lieber als ich schimpfe. Wem geht’s da genauso? Wie macht ihr euren Kindern klar, dass ihr (schlechtes) Benehmen gar nicht geht? Lasst es mich doch in den Kommentaren wissen – ich lerne gerne dazu!

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4 comments

  1. Oh ich musste so schmunzeln bei deinem Artikel!
    Zu der Nachspeisenlösung bin ich, nach exakt dem gleichen Gedankengang von dir, auch gekommen. Manchmal helfen auch Versprechungen „… wenn du jetzt noch zwei Bissen isst, gehen wir danach rutschen“ die man aber dann natürlich einhalten muss.

    Trösten und Erklären ist soviel besser als Schimpfen, aber manchmal komme ich nicht drumrum.

    1. Ist doch auch immer gut zu hören, dass es anderen genauso geht 😀 Ich schimpfe auch nicht gerne, aber wie du sagst – manchmal gehts irgendwie nicht anders. Ich glaub man muss öfter mal auch versuchen es mit Humor zu nehmen 😉

  2. Ach ist das lieb mit der kleinen Maus! Ich kenn das auch alles was du beschreibst und wenn mir dann wirklich auf ein absolutes Fehlverhalten keine gscheite „Androhung“ im Moment einfällt dann sag ich oft „… dann lass ich mir noch was einfallen“! Hihi, wirkt (meist) auch und meist kommt es dann eh nicht dazu dass ich mir wirklich was ausdenken muss! 😉

    1. Haha, das ist aber eine gute Taktik – muss ich auch mal ausprobieren!

Kommentare